Bewusstseinsforschung Wer ein Gehirn seziert, wird keine Gedanken entdecken

Wo und wie funktioniert Bewusstsein? Wie bilden sich Geist und Seele, oder das, was immer man für jene Prozesse verantwortlich macht, die im Gehirn entstehen? Und – entstehen sie nur im Gehirn?

Von Christian Forberg

Etwa drei bis vier Millionen Deutsche, sagen Schätzungen, haben in ihrem Leben Erfahrungen machen können, in denen ihr Gehirn mehr oder minder verrückt gespielt hat: Sie erlebten im Kopf Dinge, die sich im normalen Leben nie so abspielen können. Erst Recht, wenn der klinische Tod eintrat: Das Herz steht still, das Gehirn kann nicht mehr mit Blut versorgt werden. Alles, was uns zum Menschen macht, ist aufs Höchste bedroht.

"Drei Minuten haben wir Zeit. Von da an beginnen die tatsächlich unumkehrbaren Absterbevorgänge."

Professor Albrecht Hempel ist Kardiologe. Der Mediziner arbeitet in Dresden.

"Drei Minuten - wenn es dann wieder Sauerstoff bekommt und sei es im Rahmen einer Wiederbelebung, reicht das zunächst weitere Minuten, bis eine Viertel-, halbe Stunde aus, um nicht zu solch schweren Schäden zu führen, die uns wesensmäßig völlig verändern. Wenn wir mit der Herzdruckmassage einen Minimalkreislauf aufbauen, ist die Peripherie abgeschaltet und tatsächlich nur das Gehirn durchblutet. Aber das reicht, um das Gehirn vor dem unumkehrbaren Absterben zu bewahren."

 

Das aber gelingt leider nur bei jedem zehnten bis zwanzigsten Patienten, bei dem das Herz stillstand. Und nur ein geringer Teil von diesen erlebte sogenannte Nahtoderfahrungen. Als er noch in der Klinik arbeitete, bekam Albrecht Hempel einige erzählt.

 

"Ein unglaublicher, unerklärlicher Frieden, manchmal auch Musik und manchmal auch Lichtgestalten oder irgendwie so etwas. Vielleicht ist daraus auch die Vorstellung von Engeln gekommen. Also gefühlt 80-90 Prozent, die sagen: Ach, was soll ich eigentlich hier? Ich hatte fast Mühe zurückzukommen. Es gibt auch einige die sagen: es war irgendwie nicht schön. Es war irgendwas Furchtbares dabei."

 

Aber um diese Fälle geht es nicht, wenn von der Nahtoderfahrung berichtet wird. Gefühlt aller zwei Jahre erscheint ein neues Buch mit den berückend schönen Schilderungen. Den Anfang machte der amerikanische Psychiater und Philosoph Raymond Moody mit dem Buch "Life after Life" Mitte der 1970er Jahre. Das in Europa angesehenste Buch schrieb Pim van Lommel; "Endloses Bewusstsein" heißt es. Der holländische Doktor und Kardiologe befragte Ende der 1980er Jahre mehr als 300 seiner Patienten, die einen Herzstillstand überlebt hatten; rund ein Fünftel konnte etwas berichten. Schließlich schrieb der amerikanische Neurochirurg Eben Alexander ein schrilles Buch über eigene Nahtoderfahrungen. Es heißt "Proof of Heaven", "Beweis des Himmels". Eine Grundthese, die mal als Frage, mal als „Beweis" mitschwingt, lautet: Das Gehirn war ein Weile tot, und trotzdem produzierte es klare Gedanken – wie soll das gehen? Es muss von außen kommen.

 

Der Leipziger Neurologe Dr. Birk Engmann hat das Buch "Mythos Nahtoderfahrung" geschrieben. Mythos, weil der Begriff zu eng an den klinischen Tod gekoppelt sei, der zu wenige und zu wenig korrekt untersuchte Fallbeispiele erbringe. Entmystifizierend verwendet er lieber den Begriff "Erfahrungsqualität".

 

"Es gibt auch Argumente, die besagen: Im Rahmen eines klinischen Todes treten einige Erfahrungsqualitäten etwas häufiger auf als andere. Trotzdem, auch da gilt wieder das vorher Gesagte: Selbst wenn es da eine bestimmte Häufigkeitszunahme gibt, sind diese trotzdem nicht spezifisch für den klinischen Tod, sodass man diesen Begriff Nahtoderfahrung nicht als eigenständigen Bewusstseinszustand - oder wie immer man das formulieren will - etablieren kann. Das geht nicht."

 Punkt zwei seiner Kritik betrifft die Aufbereitung der Erfahrungen. Was von den Betroffenen am Anfang meist bruchstückhaft und im Konjunktiv erzählt werde, forme sich erst später zum Gesamtbild.

"Es spricht viel dafür, dass es Erfahrungsqualitäten gibt, die hinterher vor der eignen Biografie, vor dem eignen Horizont, der eignen Religion, Weltanschauung abgeglichen werden und dadurch entsprechend gefärbt werden."

 

Zumal die Neurowissenschaft nicht weiß, wann genau diese Sinneseindrücke entstehen. Und vom rein ärztlichen Standpunkt ginge das auch gar nicht, sagt der Arno Villringer, Professor am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.

"Weil - in dieser Situation haben wir etwas Wichtigeres zu tun, als Wissenschaft zu betreiben."

In dieser Situation müssen wir den Menschen helfen. Offensichtlich geht es um Leben und Tod, und da gibt es eine ganz klare Präferenz: Da sind wir Ärzte, um den Menschen zu helfen.

Eine derart intensive Erfahrung, nah dem Tod gewesen zu sein, muss der Patient erst einmal verkraften, und verarbeiten.

 

"Man hat das Bedürfnis, etwas kausal zu erklären, etwas in Sprache zu formulieren, zu fassen. Begriffe wie ein Tunnel, ein Licht  - das sind ja sehr fundamentale, intensive Erlebnisse – das könnte das Gemeinsame sein. Obwohl man es vielleicht nicht gesehen hat, wie wir einen Tunnel oder Licht sehen, aber möglicherweise ist es der Seheindruck, der dieser Erfahrung am nächsten ist."

 

Von anderen Erkrankungen wie dem Schlaganfall wissen die Forscher, dass das Gehirn im Falle einer Schädigung in Hyperaktivität verfalle: Einige Hirnareale liefen quasi „heiß", meint der Neurologe Arno Villringer.

 "Die häufigsten Symptome bei einem Schlaganfall oder bei einem Schädel-Hirn-Trauma - das sind die Erkrankungen, die wir üblicherweise behandeln - das sind Sprachstörungen, Sehstörungen, Lähmungen und dergleichen. Aber es gibt auch manchmal ganz befremdliche Symptome. Zum Beispiel das Symptom, dass ein Mensch gar nicht merkt, dass er krank ist. Oder er denkt, er sieht. Er ist aber blind. Oder Menschen haben eine komplette Vernachlässigung einer Körperhälfte oder des gesamten Gesichtsfeldes. Das heißt, sie nehmen, obwohl sie sehen können, nichts wahr, was in einer bestimmten Hälfte des Körpers oder des Gesichtsfeldes passiert. Man nennt es Neglect. Insofern glaube ich, dass die Nahtoderfahrung ein sehr interessantes Phänomen ist. Ich glaube, dass es ein sehr intensives Phänomen ist, ja, in gewisser Weise auch ein tröstliches Phänomen, denn in der Regel wird es als angenehm geschildert. Ich kenne Menschen, die mir gesagt haben: Es nimmt mir die Angst, die Angst vor dem Tod. Ich sehe aber überhaupt keinen Beleg, dass diese Nahtoderfahrung infrage stellt, dass sie letztlich vom Gehirn erzeugt worden ist. Von unserem Gehirn.

Und das ist durch unsere Lebenserfahrung geprägt, unser Wissen, unseren Glauben. Im Christentum sei es eben die Lichtgestalt am Ende des Tunnels, in Japan eher das Wandeln im Garten und im Norden Indiens unterschieden sich die Erzählungen von denen im Süden, sagt Birk Engmann. Gemeinsam sei der Wunsch, dass das Leben doch weitergehen möge. Und viele, die den Tod überlebten und solches erlebten, beginnen ein neues Leben an Stelle des alten, das sie einst führten und das sie womöglich erst in diese kritische Situation brachte.

 

"Das ist sicherlich berechtigt aus der Lebensperspektive eines jeden. Aber das ist ein Punkt, wo sich Wissenschaft und Religion vermischen, wo eine Grenze überschritten ist. Es ist dann immer mit Vorsicht zu genießen, wenn jemand behauptet, er hat einen Beweis gefunden. Es ist eine Sache des Glaubens, aber es ist keine Sache des Wissens. Man muss eben solche Erfahrungsqualitäten vorurteilsfrei werten und kann dann nicht sagen: Nur das, was spirituell ist, zählt und das andere zählt dann eben nicht."

 

So kritisiert er auch den amerikanischen Neurowissenschaftler Bruce Greyson und dessen Nahtod-Erfahrungs-Skala: Was ist eine solche, und was keine? Jedoch verwende auch Greyson spirituelle, keine objektiven Kriterien. Die aber gibt es nicht, und manches wird sich wohl nie endgültig klären lassen, was den norwegischen Philosophie-Schriftsteller Jostein Gaarder zu dem lapidaren Bonmot verleitet haben mag: Er habe schon viele kluge Gehirne operiert, lässt er einen Hirnforscher sagen. Aber er habe nirgendwo auch nur einen einzigen Gedanken entdecken können. Ja, sagt Arno Villringer: Mit der Wissenschaft sei es halt so ein Ding.

 "Wenn man sich wissenschaftliche Erkenntnis, wenn man sich Wissenschaftsgebäude anschaut, dann stellt man sich manchmal so eine Pyramide vor: Ich baue die Grundlagen, und dann wird diese Pyramide immer größer. Und irgendwann ist sie fertig. Ich halte das für die falsche Sichtweise. Wir wissen nämlich gar nicht, wann wir fertig sind. In keinem wissenschaftlichen Gebiet haben wir wirklich alles verstanden. Und wenn ich das auf die Neurowissenschaft dekliniere, dann habe ich eher den Eindruck, wir befinden uns in einem Raumschiff. Wir reisen ins Weltall und wissen letztlich nicht, wohin wir reisen. Wir können die Richtung bestimmen; wir sehen neue Dinge, wir haben neue Erkenntnisse. Aber da wir gar nicht wissen, wie groß das Weltall des Gehirns ist, da wir gar nicht wissen, was wir letztlich mehr erkennen können, ist es auch sehr schwer zu sagen, wo wir auf dieser Reise stehen."

 

 

 

Je tiefer Wissenschaft in diesen Kosmos vordringt, desto mehr Phänomene werden entdeckt, die mit herkömmlich rationalen Argumenten nicht erklärbar scheinen wollen. Das als Esoterik abzutun reicht nicht. Es sind ja nicht zuletzt Wissenschaftler, die über den Rand ihres eigenen, eng gewordenen Fachgebietes hinausschauen wollen. So auch Albrecht Hempel: Vor zehn Jahren verließ er den Chefarztposten einer Klinik, um sein Fachwissen mit ganzheitlichen Methoden der Medizin zu verbinden. Er eröffnete eine eigene Praxis für Energie- und Umweltmedizin, denn in diese Richtung werde sich auch die neue Medizin entwickeln.

 

"Wir haben hier eine Therapie durchgeführt in Dresden; die Blutprobe war in Heidelberg, der Patient war hier. Und genau in der Zeit, in der die Therapie läuft, ist die Blutprobe, die alle Viertelstunden gemessen wurde über eine Woche, ist die Blutprobe schwerer geworden – unter Verletzung des klassischen Massenerhaltungssatzes: die war luftdicht eingeschweißt in Glas. Also da konnte nichts hinzukommen. Ich bin Mediziner und man möge mir verzeihen, dass ich mich im Zweifelsfalle auf Glatteis begeben kann – aber so habe ich es verstanden: wenn in einem System, also in diesem Menschen etwas Vernünftiges passiert, gibt es eine stehende Welle. Das wäre nach Wilhelm Reich etwas, wo auf jeden Punkt der Welle der gleiche Informationsstand besteht.

 

Wie können wir all das sinnvoll erfassen? Hatte nicht Hegel schon behauptet, allein mit naturwissenschaftlichen Methoden könne man dem Geist als Geist nicht auf die Spur kommen? Hätte es sonst seiner „Phänomenologie des Geistes" bedurft?

 

Hegel wird unter anderem einer Philosophenströmung zugerechnet, die als Panpsychismus bezeichnet wird: Alles ist beseelt. Ihr fühlt sich auch der Dresdner Philosoph Dr. Denis Schmelter zugehörig.

"Der Panpsychismus ist insofern am tauglichsten, um diese ganzen logischen Ungereimtheiten, die sich im Leib-Seele-Problem stellen, zu lösen, weil er einerseits neurophysiologischen Erkenntnissen gerecht wird, wie sie beispielsweise Pim van Lommel nachgewiesen hat. Und andererseits die Unverträglichkeiten sowohl des Dualismus als auch des Monismus umgehen kann."

 

Der philosophische Dualismus trenne die materielle von der geistigen Seite, der Monismus schließe eine der Seiten gar aus. Der Panpsychismus könne dank seiner Wechselwirkung und damit seines weiten Horizonts am besten den unerklärlichen Phänomenen gerecht werden:

 

"Er schafft das zu lösen, indem er sogenannte protomentale Eigenschaften der Materie annimmt. Also dass er davon ausgeht, dass es eine Kontinuität von geistigen Eigenschaften bereits in der physischen Natur gibt, dass also die Natur bereits beseelt und durchgeistigt ist. Und wenn wir davon ausgehen, dass die gesamte Wirklichkeit sowohl eine physische Außenseite als auch eine geistige Innenseite hat, dann ist das wie bei einem Luftballon, der, wenn man ihn aufgeblasen hat und die Aufgabe bekäme, die Innenseite abzutragen, zerstört würde, weil man mit der Abtragung der Innenseite automatisch auch die Außenseite abtragen muss."

 

 Das "Material" der Innenseite des Ballons - das sind die geschilderten und aufgezeichneten Nahtoderfahrungen. Was Birk Engmann als wenig objektiv kritisierte, ist in der philosophischen Betrachtung gegebene Tatsache. Als katholischer Theologe geht Denis Schmelter noch weiter.

 

"Da ist man letztlich sogar an der Schwelle von der Philosophie zur Theologie. Also man geht davon aus: Wir müssen uns die Wirklichkeit viel größer und komplexer vorstellen, als man das in den Natur- und Humanwissenschaften mit der naturalistischen Methode eigentlich angeht. Damit sind wir dann beim sogenannten Panentheismus. Das geht davon aus, dass die gesamte Wirklichkeit getragen und umfangen ist vom Göttlichen, und dass das Göttliche quasi ist in allem: Das Göttliche ist in Ihnen, das Göttliche ist in mir, und wir sind auch ein Teil des Göttlichen. Und damit sind wir wieder bei den Nahtoderfahrungen. Die Nahtod-Experiencer berichten relativ einhellig davon, dass sie das Gefühl hatten, dass das Licht ein Teil von ihnen selbst ist und dass sie selbst auch ein Teil des Lichtes sind. Insofern haben wir eine wechselseitige Durchdringung von Göttlichem und Menschlichem. Also von dem endlichen Geschöpf und von dem unendlichen Gott."

Ob nah dem Tod gewesen, ob sicher im Leben stehend: Dieses Aufgehobensein ist für den Gläubigen eine der wichtigsten Lebensgrundlagen. Der Christ und Mediziner Albrecht Hempel hat seine eigene Vorstellung, was Philosophie im Zusammenhang mit dem Nahtod leisten sollte. Für ihn zählt er weder allein als eine Art Gottesbeweis noch als nüchterne Gehirnregung.

 

 

"Für mich ist das weit mehr. Es ist im Grunde genommen der finale, also letzte mögliche Versuch, in Frieden zu gehen, oder auch mit den Menschen – also das jedenfalls ist der anstrebenswerte Versuch - dass die Menschen, die zurückbleiben in Trauer, aber in Zugewandtheit gehen können. Und das ist eigentlich die Aufgabe der Philosophie, sich darum zu kümmern."